Schlagwort-Archiv: Manfred Marr

Vor 55 Jahren starb Nürnbergs großes Radsport-Idol Georg Umbenhauer


Sieger D-Tour 1939

Nur noch wenige der älteren Radsport-Fans erinnern sich an Georg Umbenhauer, der vor 55 Jahren am 15. Dezember 1970 gestorben ist.
Der einst erfolgreiche Rad-Profi – nach dem in Nürnberg sogar eine Straße benannt ist – war neben dem ebenfalls unvergessenen Fritz Scheller bis heute Nürnbergs bester Radsportler. Neben seinen vielen Siegen bei extrem langen und schweren „Straßen-Klassikern“ erkämpfte sich „Umbes“, wie ihn seine vielen Fans liebevoll nannten, 1936 den deutschen Straßenmeister-Titel der Profis. Seinen größten Erfolg feierte Georg Umbenhauer als er 1939 die international besetzte „Groß-Deutschland-Rundfahrt“ gewann, die über 20 Etappen und 5049 Kilometer führte und damals länger als die Tour de France des gleichen Jahres war! Rückblickend sagte er oft: „Der 2. Weltkrieg hat mich um meine besten Rennfahrer-Jahre gebracht“ Als der Radsport 1946 wieder bescheiden begann war Umbenhauer bereits 34 Jahre alt und er fuhr damals nur noch Steher- und Sechstage-Rennen, bis er 1952 mit fast 40 Jahren seine große Karriere beendete, die er 1927 als 15-Jähriger begonnen hatte:

1927 war Georg Umbenhauer das „Wunderkind des Radsports“
Georg Umbenhauer, der als 15-Jähriger beim „RV Union Nürnberg1886“ mit dem Radsport begann, wurde damals von der Sportpresse als „Wunderkind des deutschen Radsports“ bezeichnet. Nachdem er als Jugendfahrer auf Anhieb sämtliche Rennen locker gewann, erhielt er vom Radsport-Verband (BDR) eine Sondergenehmigung mit der er auch an den schweren und langen Rennen der Männer teilnehmen durfte. Als er damit noch im gleichen Jahr das schwere Straßenrennen „Bayreuth-Nürnberg“ und kurz danach auch die berühmte Fernfahrt „Nürnberg-München-Nürnberg“ über mehr als 300 Kilometer souverän gewann war die Sensation perfekt. Man erkannte sofort, dass hier ein neuer ganz großer Radsportstar – der bisher jüngste in Deutschland – im Sattel saß. Auch in den folgenden Jahren folgte eine beachtliche Serie weiterer großer Siege bei sehr gut besetzten den Rennen der Amateure. Bereits mit 19 Jahren – auch das geschah mit einer Ausnahme-Genehmigung , denn man durfte erst mit 21 Profi werden – konnte er vorzeitig ins Lager der Berufsfahrer wechseln. Auch hier setzte Georg Umbenhauer seine außergewöhnliche Siegesserie unaufhaltsam fort. So gewann er als jüngster deutscher Profi auf Anhieb „Rund um Frankfurt, den „Großen-Saarland-Preis“ und den „Großen Sachsen-Preis“!

Legendär sind auch Umbenhauers Teilnahmen an der Tour de France. 1932 war er als 20-Jähriger der bis heute jüngste deutsche Tour-Teilnehmer. Als zuverlässiger starker Helfer war er ganz wesentlich daran beteiligt, dass der Berliner Kurt Stöpel damals Gesamt-Zweiter dieser Tour wurde. Stöpel blieb damit bis zu Jan Ullrich 64 Jahre lang bestplatzierter deutscher Tour-Teilnehmer! 1935 war Georg Umbenhauer der große Pechvogel der Tour de France. Als bestplatzierter Deutscher lag er aussichtsreich auf Rang acht der Gesamtwertung, als er in den Pyrenäen bei einer rasenden Abfahrt schwer stürzte. Mit gebrochenem Schlüsselbein stieg er trotzdem wieder auf seine Rennmaschine, fuhr noch den Tourmalet hoch – und brach dort zusammen. Schwer enttäuscht musste er schließlich aufgeben.

Im folgenden Jahr war Georg Umbenhauer wieder wie gewohnt ganz groß in Form. Sein schönster Sieg war 1936 die Deutsche Straßenmeisterschaft der Profis. Eine gewaltige Radsportbegeisterung brach in der Noris aus, als 1938 der 25-.jährige Georg Umbenhauer bei der Deutschland-Rundfahrt die erste Etappe von Berlin nach Zittau gewann, in den folgenden Tagen dreimal als Zweiter auf das Treppchen stieg und am Ende Achter in der Gesamtwertung wurde. Ganz Nürnberg fieberte ein Jahr später der «Groß-Deutschland-Rundfahrt» entgegen, mit der die Nationalsozialisten 1939 die Tour de France in den Schatten stellen und die Größe des damaligen deutschen Reiches demonstrieren wollten.
Die Strecke führte in 20 Etappen über 5049 Kilometer (!) auch durch das heutige polnische Staatsgebiet und durch das damals angegliederte Österreich. In Nürnberg feierte man den beliebten Lokalmatador Georg Umbenhauer bereits vor dem Start stürmisch – und der enttäuschte nicht. Nach einem Sieg auf der fünften Etappe von Reichenbach nach Chemnitz, die er nach 210 Kilometern sicher vor dem Belgier Sylain Grisolle und dem Franzosen Paul Chaocque gewann, übernahm er das Gelbe Trikot des Spitzenreiters. Drei Wochen lang war der zähe Nürnberger der überragende Mann der extrem schweren Rundfahrt, die er mit fast zehn Minuten Vorsprung vor dem Schweizer Robert Zimmermann und seinem Nürnberger Lokalrivalen Fritz Scheller gewann!
Wenige Wochen später unterbrach der 2. Weltkrieg dann für deutsche Fahrer viele Jahre den internationalen Sportbetrieb und damit auch die so viel versprechend begonnenen Karrieren von Georg Umbenhauer und Fritz Scheller.
Eine Ausnahme in den Kriegsjahren waren die damals sehr populären und beliebten Steherrennen der Profis. Kurzentschlossen sattelte Georg Umbenhauer deshalb zum Stehersport um. Nach intensiven harten Training hinter Motoren ging er bei der Deutschen Stehermeisterschaft an den Start, die 1940 auf der Nürnberger Radrennbahn am Reichelsdorfer Keller stattfand. Mit seiner kampfbetonten Fahrweise begeisterte er als Steherneuling die Zuschauer bereits in den Vorläufen und schaffte damit sicher die Teilnahme zum DM-Finale in dem er für die große Überraschung der Meisterschaft sorgte: Hinter dem Kölner Allrounder Toni Merkens – Olympiasieger im Sprint 1936 – belegte Georg Umbenhauer den zweiten Platz, vor dem Chemnitzer Kurt Schindler. Damit war Umbenhauer auch der erste Nürnberger Radprofi der bei einer Steher-DM auf dem Treppchen stand!

Nach langer Zwangspause des Straßenrennsports durch den 2. Weltkrieg setzte Georg Umbenhauer ab 1947 seine Radsport- Karriere als einer der ältesten Profis fort. Allerdings fuhr er fast nur noch Steherrennen und Sechstagerennen. 1952 hängte er nach einem schweren Sturz beim Münchner Sechstagerennen mit fast 40 Jahren seine Rennmaschine schweren Herzens an den berühmten Nagel. Bei seinem Stammverein, den „RV Union“, dem er immer treu geblieben war, wurde er in den 1950-er-Jahren noch als beliebter Trainer und erfahrener Berater geschätzt. Georg Umbenhauer starb am 15. Dezember 1970 mit nur 58 Jahren an den Spätfolgen seiner früheren Sturzverletzungen.
Manfred M a r r

Rad-WM 1970 in England

Hallo Sportfreunde,

nach meinen Erinnerungen an den tragischen Sturz des deutschen Bahnvierers bei der WM 1973 in San Sebastian möchte ich heute gerne auch an meine schönste Rad-WM erinnern. Die deutschen Bahn-Asse – die einst jahrelang zur absoluten Weltklasse zählten – machten den 12. August bei der WM 1970 zum „Tag der Deutschen“- dreimal erklang damals in Leicester unsere Nationalhymne!

Die Bahnwettbewerbe fanden auf der frisch renovierten schnellen 333m-Beton-Piste im „Saffron Lane- Sportscenter“ statt. Schon die Eröffnungsfeier war außergewöhnlich mit einer großartigen bunten Präsentation bei der Großbritanniens Regierungschef und Premierminister Edward Heath als Schirmherr persönlich anwesend war!

Bereits beim Tandem-Wettbewerb gab es ein heißes „gesamdeutsches Finale“ , denn das starke BDR-Tandem mit den beiden West-Berlinern Jürgen Barth- Rainer Müller hatte sich ebenso souverän ins Finale gekämpft wie das DDR-Tandem Geschke-Otto aus Ost-Berlin. Nach drei extrem spannenden Läufen gewannen Barth-Müller knapp aber verdient den WM-Titel!
Diese rasanten Tandemkämpfe waren phantastisch – völlig unverständlich bleibt mir bis heute , weshalb man die tollen Tandem-Wettbewerbe aus dem WM-Programm der UCI nahm!

Am gleichen Abend fand danach das nicht weniger spannende WM-Finale der Bahnvierer statt. Auch hier traten zwei deutsche Vierer um Kampf um den Titel an. Im westdeutschen Quartett starteten Ernst Clausmeyer, Udo Hempel, Peter Vonhof und Günther Haritz. Für die DDR kämpften ebenso verbissen Thomas Huschke, Heinz Richter, Manfred Ulbricht und Herbert Richter. Runde für Runde steigerte sich der heiße Kampf um Sekundenbruchteile , den der BDR-Vierer von „Goldschmied“ Gustav Kilian schließlich verdient gewann.

„Alle guten Dinge sind drei“, sagt man und nach diesem Motto endete vor ausverkauften Rängen dann auch der großartige WM-Abend in England, denn Ehrenfried Rudolph sorgte im WM-Finale der Profi-Steher für die Krönung der deutschen Siegesserie: Im Endlauf, damals noch über 100 Kilometer, holte sich Rudolph zwei Tage vor seinem 35. Geburtstag mit Schrittmacher Bruno Walrave souverän den WM-Titel vor dem Belgier Theo Verschueren und dem Holländer Pit de Wit. Für Ehrenfried Rudolph, der als vielseitiger Bahnspezialist auch acht deutsche Meistertitel gewann, war es übrigens sein zweiter WM-Sieg nachdem er als Amateur bereits 1962 Weltmeister mit dem BDR-Bahnvierer wurde!

Auch das war 1970 sehr erfreulich und man sollte es nicht vergessen: Für eine WM-Silbermedaille sorgte bei den Amateurstehern überraschend der Nürnberger Horst Gnas als Vize-Weltmeister hinter dem Holländer Cees Stam! Es war der Beginn seiner großen Erfolgsserie!

Englands Sportpresse lobte die erfolgreichen Bahn-Asse Deutschlands nach der WM in höchsten Tönen. Das britische Radsportmagazin INTERNATIONL CYCLESPORT, für das ich einst sechs Jahre vom deutschen Radsport berichtete, bat mich sogar einen persönlichen Rückblick zum großen „deutschen Tag“ der WM zu schreiben.

Ganz kurz möchte ich auch an die Straßen-WM der Profis erinnern, die 1970 auf der Auto-Rennstrecke im Mallory-Park in der Nähe von Leicester stattfand. Auch diese WM bleibt mir bis heute unvergessen. Bei fürchterlichem Regenwetter und stürmischen kalten Wind mussten die Profis 279 Kilometer zurücklegen. Die Unwetterschlacht endete mit einem eindrucksvollen Solo-Sieg des erst 21-jährigen Belgiers Jean-Pierre Monsére, der nach sechseinhalb Stunden vor dem Dänen Leif Mortensen und dem Italiener Felice Gimondi gewann. In Belgien schwärmte man danach von einem „zweiten Eddy Merckx“, nachdem Monsére ein Jahr vorher bereits Vize-Weltmeister der Amateure war. Er wechselte gleich danach noch im Herbst zu den Profis und gewann als 20-Jähriger 1969 die schwere Lombardei-Rundfahrt! Über seinen WM-Titel bei den Profis 1970 durfte er sich leider nur sieben Monate freuen. Im Februar 1971 begann er die Saison in absoluter Topform. Zum Saisonauftakt gewann der junge Weltmeister gleich vier Etappen und die Gesamtwertung der Andalusien-Rundfahrt! Drei Wochen später stieß er am 15. März bei einem Kriterium in Belgien in vollem Speed frontal mit einem PKW zusammen und starb noch an der Unfallstelle.“Jempi“ Monsére , der ein sehr starker Rivale von Merckx hätte werden können, wird unvergessen bleiben. Ein ebenso tragisches Schicksal ereilte fünf Jahre später am 17. Juli 1976 Monsére´s sechsjährigen Sohn Giovanni als er mit Freunden mit dem Rad unterwegs war. Auch er wurde von einem Auto erfasst und starb am Unfallort.

Manfred M a r r

Günther Haritz verstorben – Bahn WM 1973

Hallo Sportkameraden,

über Ottto Bennewitz erreichte uns die traurige Nachricht, dass der mehrfache Weltmeister, Olympia-Sieger und Europameister Günther Haritz zwei Wochen nach seinem 77. Geburtstag am 29. Oktober verstorben ist.

Günther Haritz war in den 1970er-Jahren einer der erfolgreichsten deutschen Radsportler. Neben seinen großen Erfolgen auf der Bahn zeigte er oft auch als Straßenfahrer eindrucksvoll seine Vielseitigkeit. 1974 war Haritz, der auch bei der Tour de Suisse startete und bei der „Vuelta“ einst vier Tage lang das Spitzenreiter-Trikot trug, Deutscher Straßenmeister der Profis! Seine große Liebe blieb jedoch der Bahnsport. Auf den Winterbahnen zählte Günther Haritz der 83 Sechstagerennen bestritt – davon elf Rennen gewann – zur internationalen Spitzenklasse der Profis.

Auch nach dem Ende seiner Karriere saß Haritz, der 1981 ein renommiertes Radsport-Fachgeschäft eröffnete, regelmäßig und gerne im Sattel. Bei den Treffen der „Altmeister“ im Museum in Sinsheim genoss der stets fröhliche „Blitz von Leimen“ das Wiedersehehen mit vielen Fans und ehemaligen Radsportlern.

Manfred Marr

Hallo Sportkameraden,

heute meine Erinnerung an die Bahn-WM 1973 im spanischen San Sebastian.

Nach dem Tod von Günther Haritz musste ich sofort wieder an die Bahn-WM 1973 denken, die damals im spanischen San Sebastian stattfand. Das grandiose Finale um den Vierer-Titel, das sehr tragisch verlief und schließlich für den BDR-Vierer doch noch erfolgreich endete, bleibt für mich für immer unvergessen. Hier in Kürze mein persönlicher Rückblick:

Ebenso souverän wie das starke Quartett aus Großbritannien hatte der deutsche Bahn-Vierer mit Günther Schumacher, Hans Lutz, Peter Vonhof und Günther Haritz in San Sebastian das WM-Finale über 4000m erreicht. Nach einem perfekten Blitzstart übernahm der „Goldvierer“ von Bundestrainer Gustav Kilian sofort resolut die Führung, die er mit jeder Runde etwas weiter ausbaute. Der WM-Sieg war für die deutschen Fahrer so gut wie sicher, als sie mit klarem Vorsprung von ca. 70 Metern in die Schlussrunde spurteten. Ich machte mich mit meinem Fotoapparat im Innenraum der Bahn schnell auf dem Weg zur Siegerehrung, als ein lauter Knall und ein entsetzter Aufschrei der Zuschauer durch die Halle ging. Alle vier deutschen Fahrer wirbelten plötzlich durch die Luft und landeten sehr unsanft auf der harten Betonpiste neben ihren verbeulten Rennmaschinen.

Was war geschehen? Ein übereifriger Funktionär, der die Schaumgummi Streifen vom Bahnrand einsammelte, war zu früh auf die Bahn gelaufen. Der deutsche Vierer hatte keine Chance ihn im hohen Tempo auszuweichen. Alle vier Fahrer stürzten schwer. Hans Lutz und Günther Schumacher mussten sofort ins Krankenhaus eingeliefert werden. Peter Vonhof und Günther Haritz hatten zwar schwere Prellungen und viele Hautabschürfungen, doch sie kamen schließlich mit schmerzverzerrten Gesichtern wieder auf die Beine.

Unbeeindruckt vom Geschehen verkündete kurz danach die Jury das Ergebnis der WM: Sieger und Weltmeister Großbritannien! Die vielen Zuschauer reagierten darauf mit einem Sturm der Entrüstung und mit sehr lautstarken Buh-Rufen. Ein Protest der deutschen BDR-Delegierten nutzte nichts, denn „wer nicht ins Ziel kommt, kann nicht Sieger sein“, lautete die nüchterne Erklärung der internationalen UCI-Jury.

Doch die Jury hatte nicht mit dem vorbildlichen Sportsgeist der vier Engländer gerechnet. Ian Hallam, Michael Bennet, Richard Evans und William Moore waren mit dem Ergebnis keinesfalls einverstanden. Sie lehnten es unter großem Beifall der Zuschauer ganz energisch ab, den Titel anzunehmen. Danach gab es eine längere Pause und nach eingehender Beratung der Jury kam endlich die Durchsage: “ Weltmeister Deutschland vor Großbritannien und Niederlande“.

Überglücklich stiegen Peter Vonhof und Günther Haritz auf das Treppchen, umarmt von ihren fairen Gegnern. Strahlend und mit den obligatorischen Baskenmützen fuhren beide anschließend unter großem Jubel ihre Ehrenrunde, während man im Krankenhaus bei Günther Schumacher neben einigen fehlenden Zähnen einen Kieferbruch und bei Hans Lutz einen Schlüsselbeinbruch und eine schwere Gehirnerschütterung diagnostizierte.

Der Bericht von diesem außergewöhnlichen WM-Finale ging danach groß durch die internationale Sportpresse. Die „NN“ brachte meinen Bericht plus Foto damals im Kleinformat (siehe Anhang). Zurecht belohnt für ihre sportliche Handlung wurden die vier Vize-Weltmeister aus Großbritannien einige Wochen später mit dem „Fair-Play-Preis“, den das Internationale Fair-Play-Committee (CIFP) bis heute alljährlich für herausragende Gesten von großem Sportgeist vergibt, geehrt.
Text und Foto:
Manfred Marr

Deutsche Vierer-Meisterschaft 1975 über 100 Km auf der Autobahn!

Vor 50 Jahren war die erst zwei Jahre alte „RSG Katzwang“ die große Überrschung!
Der RC Herpersdorf enttäuschte und tröstete sich mit DM-Titel der Jugend

Von den vielen Deutschen Meisterschaften, die ich in mehr als 50 jahren auf Bahn und Straße verfolgte und pressemäßig begleitete, bleibt mit die DM 1975 in Nürnberg stattfand, für immer unvergessen. Diese Vierer-Straßen DM wurde damals vom RC Herpersdorf ausgerichtet und auf der neu gebauten und noch nicht für den Verkehr freigegebenen “ A73 “ ausgetragen. Nürnbergs OB Andreas Urschlechter persönlich hatte auf Wunsch des RC Herpersdorf dazu die Ausnahme-Genehmigung erteilt! Wäre heutzutage wohl kaum mehr möglich!

Im Blickpunkt des Interesses stand für die Medien und die vielen fränkischen Fans natürlich die Meisterschft der Amateure über 100 Kilometer. Neu war damals das Reglement des BDR: Während die Vierer-DM früher ausschließlich für Vereins Mannschaften ausgeschrieben wurden, hatte man 1975 erstmals sogenannte „Renn-Gemeinschaften“ zur DM zugelassen.

Damit stieg das sportliche Niveau gewaltig, die Favoriten stellten mit zahlreichen Bahn- und Strassen-Nationalfahrern die RG´s aus Berlin,und die Renngemeinschaften aus Baden-Württemberg. Sehr verärgert war man über das neue Reglement beim RC Herpersdorf der zwar mit mehreren Vereins-Vierern antrat aber nun nicht mehr zum Kreis der Top-Favoriten zählte. Auch beim RC Mannheim war man sauer und sagte die DM-Teinahme mit Kapitän Peter Weibel ganz ab!

Erfreut über das neue Reglement war man dagegen bei der erst zwei Jahre alten „RSG Katzwang“. Mit dem 19-jährigen Friedrich von Loeffelholz und dem 22-jährigen Dieter Flögel hatte man zwar zwei absolute Fahrer der deutschen Spitzenklasse, doch noch lange keinen Vierer. Zum Retter in der Not wurde Klaus Burges, der zwei Monate vorher den DM-Titel der Steher für die RSG Katzwang gewann. Klaus ließ sich überreden nun bei der DM im Vierer zu starten. Er trainierte extrem hart und ging in Topform an den Start. Vierter Mann der „Renngemeinschaft“ war Eugen Heim aus Baden-Württemberg. Er war wie Loeffelholz erst 19 Jahre alt und ein excellenter Zeitfahrer.

Obwohl Dieter Flögel zwei Tage nach einem BDR-Einsatz bei einer schweren Rundfahrt schon nach 50 Kilometern entkräftet ausstieg , zeigten Von Loeffelholz, Burges und Heim ein grandioses Rennen, das mit Platz drei der DM belohnt wurde. Klaus Burges erinnert sich noch heute daran dass bei der Zeitnahme am Ziel eine Panne passierte: “ Gerade als wir ankamen fiel die elekronische Zeitmessung aus. Unsere Zeit wurde per Hand von Willi Fuggerer gestoppt. Friedrich zweifelte am Ergebnis, er war danach immer überzeugt davon, dass wir eigentlich die DM gewonnen hätten“

Für den RC Herpersdorf war es ein raabenschwarzer Tag, denn die Mannschaft Herpersdorf I mit Gottfried Mayer, Hubert Stöffel, Manfred Braun und Klaus Häfner belegte nach einigen Defekt-Pech nur den zehnten Platz. Trösten konnte man sich beim RC herpersdorf nach der Jugend-DM, die der RCH verdient gewann.

Manfred Marr

Herpersdorfer Altmeister Werner Löw 90 Jahre

Von Manfred M a r r

Nürnberg – Drei Jahre nach seinem Vereinskameraden Fritz Neuser feierte am 28. August auch Werner Löw seinen 90-Geburtstag. Der Jubilar, dessen Radsportkarriere 1949 beim „Tourenclub Nürnberg“ begann, zählte als außergewöhnlich vielseitiger Allrounder und siebenfacher Deutscher Meister rund zehn Jahre lang zu den erfolgreichsten deutschen Radsportlern.

Nach seinem Wechsel zum RC Herpersdorf im Jahr 1951 wurde Werner Löw 1952 und 1953 zweimal Deutscher Jugend-Mannschaftsmeister auf der Strasse. Seine außergewöhnlichen Spurtqualitäten bewies Werner Löw als er 1953 auch den deutschen Jugend-Meistertitel im Sprint erkämpfte! Bereits in seinem ersten Amateur-Jahr setzte Werner Löw 1954 seine DM-Serie erfolgreich fort, als er mit Fritz Neuser den Meistertitel auf dem Tandem gewann, den beide 1955 erfolgreich verteidigten.


Archiv Marr

Seine größte Enttäuschung erlebte Werner Löw, im folgenden Jahr, als der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) damals Fritz Neuser nicht mit ihm, sondern zusammen mit dem Schweinfurter Günther Ziegler für die Olympischen Tandem-Rennen 1956 in Melbourne nominierte. „Ich war zunächst so enttäuscht, dass ich sofort mit dem Radsport aufhören wollte“, erzählt Werner Löw. Doch soweit kam es Gott sei Dank nicht. Werner Löw fand mit seinem jungen Vereinskameraden Holger Hermann einen neuen sehr guten Tandem-Partner, mit dem er bei der Deutschen Tandem-Meisterschaft im gleichen Jahr für eine echte Sensation sorgte: Im spannenden Finale um den Meistertitel gewannen Löw-Herrmann klar vor den haushohen Favoriten Neuser-Ziegler! „Das hat mich einigermaßen über die entgangene Olympia-Teilnahme hinweg getröstet“, erinnert sich Werner Löw, der 1956 zusammen mit Georg Singer, Willi Renn und Fritz Neuser auch den DM-Titel in Bahn-Vierer nach Herpersdorf holte.

Dem RC Herpersdorf , für den er als Fachwart, 2. Vorsitzender und „Mädchen für alles“ viele Jahre unermüdlich im Einsatz war, blieb Löw auch nach dem Ende seiner Karriere ab 1958 eng verbunden. Viele Jahrzehnte gab er seine reiche Erfahrung als Trainer und Betreuer an den ehrgeizigen Nachwuchs des RCH weiter – auch an seinen Sohn Robby, der als mehrfacher bayerischer Meister erfolgreich in seine Fußstapfen trat und 1983 deutscher Tandemmeister der Junioren wurde.


Plomi Foto (Robby und Werner Löw 1984)

„Ein schwerer Schock war es für mich, als der RC Herpersdorf, dem ich rund 60 Jahre angehörte, 2008 nach seiner Insolvenz aufgelöst werden musste“, sagt Werner Löw, der dem damals neu gegründeten „VfR-Herpersdorf“ beitrat und danach jahrelang unermüdlich dafür kämpfte, dass daraus später wieder der alte Verein entstand mit seinem traditionellen Namen „RC Herpersdorf“. Trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme verfolgt Werner Löw auch mit 90 Jahren seinen geliebten Radsport noch immer sehr aufmerksam.“ Der Radsport ist für mich nach wie vor eine der schwersten und auch der schönsten Sportarten!“, schwärmt der Herpersdorfer Altmeister.

Das einmalige „Kriterium der Giganten“ 1963 im Nürnberger Stadion

Artikel von Manfred Marr

In den mehr als 70 Jahren seit ich den Radsport begeistert und aufmerksam verfolgt habe, sind mir bis heute einige ganz außergewöhnliche Veranstaltungen besonders in Erinnerung geblieben. Eine von ihnen war am 30. August 1963.
An jenem schönen August-Abend fuhr ich per Rad zum Nürnberger Stadion – nicht um den 1. FCN zu sehen – sondern um zwei der damals größten Weltstars des Profi-Radsports ab 20.00 Uhr bei Flutlicht zu erleben:


Ein einmaliges Rennprogramm wie es Nürnberg noch noch nie vorher sah!

Ein „KRITERUIM DER GIGANTEN“

wurde im Rennprogramm angekündigt und das war damals keinesfalls übertrieben, denn an diesem Abend fuhren auf der Aschenbahn des Stadions auf Bahnmaschinen:

Jacques Anquetil (Frakreich), der damals bereits vierfache Tour de France-Sieger, der 1963 neben der Tour Jahr auch Paris-Nizza, die Spanien-Rundfahrt und die Trophée Dauphine gewonnen hatte. Er war damit der absolute Super-Star des internationalen Profi-Radsports!
Federico Bahamontes (Spanien) der Tour de France-Sieger 1959, der 1963 hinter Anquetil Zweiter der Tour de France war und bis 1963 bereits fünfmal die Gesamt-Bergwertung der Tour de France gewonnen hatte. Ein Bergtrikot gab es damals noch nicht.
Hennes Junkermann (Deutschland), der zweimal die Tour de Suisse gewonnen hatte und zehnmal Deutscher Meister auf Bahn und Straße war.
Rolf Wolfshohl (Deutschland), dreimaliger Cross-Weltmeister und 1963 erfolgreichster Straßenprofi im Ausland.
Dieter Kemper (Deutschland), Etappensieger der Deutschland-Rundfahrt und der Tour de Suisse, Deutscher Meister der Profis im Verfolgungsfahren.
Lucien „Lull“ Gillen (Luxemburg, Kriteriums-Spezialist und 9-facher Sechstage-Sieger.

Rund 5000 Radsportfans feuerten die berühmten Asse begeistert an.
Ausgetragen wurde ein Omnium mit Zweier-Verfolgungsrennen, einem Punkte- und einem Ausscheidungsfahren, bei dem die beiden schnellen Allrounder Kemper und Gillen am besten mit der Aschenbahn zurechtkamen.


Diese seltene Aufnahme von der Zweier-Verfolgung bei Flutlicht auf der Aschenbahn zeigt Bahamontes und Anquetil

Kemper gewann das Omnium vor Gillen und Junkermann.


Dieter Kemper war der herausragende Mann des Abends

Mit am Start waren u.a. auch Sigi Renz, Klaus Bugdahl, WolfgangSchulze, Horst Oldenburg, Willi Altig, Manfred Donike, Rudi Theissen, Ehrenfried Rudolph und viele weitere erfolgreiche deutsche Profis.

Es gab viele kurze Interviews mit den Teilnehmern und ich konnte meine damals schon sehr umfangreiche Autogramm-Sammlung um einige wertvolle „Schätze“ vergrößern. Leider hatte ich damals noch keinen Fotoaparat, doch die Erinnerungen an diesen tollen Abend bleiben mir für immer!

Manfred M a r r

Münchens Radsport-Altmeister Otto Altweck verstorben

Von Manfred M a r r


Archiv Marr

München – Bayerns Radsportler trauern um Altmeister Otto Altweck, der im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Neben Ludwig Hörmann und Sigi Renz war Otto Altweck als Amateur und als Profi bis heute einer der erfolgreichsten Münchner und bayerischen Radsportler!

Die Begeisterung für den Zweiradsport zeigte sich bei Otto Altweck sehr früh. Mit 13 Jahren eiferte er seinem Münchner Idol „Wiggerl“ Hörmann nach, als er 1950 beim „RKV Solitarität Denning“ sein erstes Jugendrennen fuhr – dass er prompt gewann! Nach diesem Sieg ließ ihn das Radsportfieber nicht mehr los. Der ehrgeizige Schlosserlehrling begann mit regelmäßigem harten Training und fuhr außerdem die 10 Kilometer zu seiner Arbeitsstelle täglich mit dem Rad. Sein großer Ehrgeiz und Trainingsfleiß wurde bald belohnt: Bereits in der Jugendklasse entwickelte sich Otto Altweck zum Seriensieger und als er 1952 zum traditionsreichen „RC Amor 07“ wechselte, zählte er als Junior auf Bahn und Straße bereits zur deutschen Spitzenklasse.

Auch als Nachwuchs-Amateur begeisterte Otto Altweck neben den damaligen Spitzenfahrern Ebenbeck, Karkowski, Spiegel, Sonntag, Auer und Jakob sofort die Münchner Radsportfans. Vor allem auf der legendären Amor-Bahn war er als schneller Allrounder gefürchtet. Auch bei den schweren und damals sehr langen Straßenklassikern – wie dem Herpersdorfer Express-Preis, den er zweimal gewann – zählte er sehr schnell zu den erfolgreichsten deutschen Amateuren.
Nach zahlreichen weiteren großen Amateur-Siegen und einen 13. Platz bei der Straßen-WM in Belgien, unterschrieb Otto Altweck als 21-Jähriger im Herbst 1958 einen Profi-Vetrag beim Schweinfurter „Torpedo-Team“, der damals einzigen deutschen Profi-Mannschaft. Sein Einstand bei den Berufsfahrern im Rennjahr 1959 war sensationell: Der junge Profi-Neuling sorgte auf Anhieb für internationale Schlagzeilen, denn unter seinen neun (!) Saisonsiegen waren Etappen-Siege bei der französischen Etappenfahrt Dauphine´ Libere´, bei der Tour de Picardie , der Tour de L´Oise und der Luxemburg-Rundfahrt! Ehe sich der Jungprofi Otto Altweck damals versah wurde er mit dieser Bilanz sofort für die deutsche Tour de France-Mannschaft 1959 nominiert: „ Das war für mich mit 22 Jahren eigentlich noch viel zu früh“, sagte er oft rückblickend und fügt hinzu: „ Mir fehlte die Erfahrung bei Profi-Rennen, doch man erwartete einfach, dass ich auch bei der Tour de France eine Etappe gewinne“. Der Druck der dadurch auf den jungen Tour-Neuling lastete war enorm. Hinzu kam, dass Otto Altweck in der ersten Tour-Woche pausenlos von extremen Pech verfolgt wurde. Nach mehrfachen Defekten und einigen Stürzen stieg er vor der ersten Hochgebirgsetappe deprimiert aus. „Plötzlich kümmerte sich vom Team niemand mehr um mich. Kein Trost, kein aufmunterndes Wort, das war für mich die größte Enttäuschung meiner ganzen Karriere“ erinnerte sich Otto Altweck, der damals völlig demoralisiert allein mit dem Zug aus Süd-Frankreich heimreiste. Altweck´s Frust war so groß , dass er das Thema Tour de France leider für immer abhakte.

Später wusste Ottto Altweck, dass dies ein großer Fehler war und das so vieles in seiner Radsportkarriere hätte anders laufen können: „Mir fehlte als Jung-Profi die nötige Betreuung und eine gute Baeratung. Ich war damals viel zu naiv, zu impulsiv und einfach noch zu dumm“, stellte er später rückblickend fest. Trösten konnte sich der vielseitige Allrounder mit dem deutschen Meistertitel in der Einerverfolgung der Profis über 5000 Meter, der ihn gute Verträge für Zweier-Mannschafts- und Sechstage-Rennen auf den Winterbahnen einbrachte. Auch auf den schnellen Holzpisten der Winterbahnen zeigte Otto Altweck als Sieger mehrerer Mannschafts-Rennen schnell seine große Klasse: Mit seinem Münchner Freund Sigi Renz wurde er 1960 deutscher Vize-Meister im Zweier-Mannschaftsfahren über 100km. Beim Frankfurter Sechstage-Rennen stieg Otto Atlweck mit seinem Berliner Partner Hans Jaroscewiz neben den damals weltbesten Sechstagefahrern Nielsen-Lykke aus Dänemark und van Steenbergern/Severeyns aus Belgien als Dritter auf das Treppchen! Im folgenden Rennjahr fuhr Otto Altweck neben vielen Bahnrennen nur noch sehr wenig auf der Straße, doch bei der „Deutschland-Rundfahrt“ 1960 zählte er trotzdem als Neunter der Gesamtwertung zu den drei bestplatzierten Deutschen!

Schon als Kind war Otto Altweck fasziniert von den rasanten Rennen der Profi-Steher, deren Metier er 1960/1961 kennenlernte. Auch hinter den schweren Motoren fand sich der robuste Allrounder erstaunlich schnell zurecht. Dabei zeigte er als Neuling keinerlei Respekt vor den damaligen Assen und Weltmeistern Karlheinz Marsell, Giulermo Timoner, Walter Bucher oder Paul Depaepe. Mit einer sensationellen Serie von Bahnrekorden, die er 1961 auf vielen Pisten fuhr, machte sich Otto Altweck jedoch keine Freunde im Kreis der etablierten Profi-Steher und ihrer Schrittmacher. Kaum einer der Top-Schrittmacher wollte mit dem „bayerischen Rebellen“ fahren, der oft zu frei und zu deutlich seine Meinung über die damalige Steherszene sagte. Auch sein dritter Platz 1960 bei der EM der Steher änderte daran nicht viel. Als Otto Altweck danach immer wieder feststellen musste, dass man ihn mit Steher-Verträgen für die Winterbahnen immer häufiger bewusst überging, war er so verärgert und enttäuscht, dass er 1962 seine Rennmaschine spontan an den Nagel hängte.

Die Lust auf Radsport kam bei Ottto Altweck erst fünfzehn Jahre später wieder: Beim RC Amor , dem er weiterhin treu geblieben ist, war er von 1976 bis 2002 als Sportleiter und Trainer 27 Jahre lang für den Radsportnachwuchs im Einsatz. Zugleich fungierte er ab 1980 als Straßenfachwart des Bayerischen Radsport-Verbandes. Unter Altweck´s Regie fuhren viele bayerische Talente in die deutschen Spitzenklasse und erkämpften zahlreiche Meistertitel. Zu seinen erfolgreichen Schützlingen zählte auch seine Tochter Gaby, die als 7-fache deutsche Meisterin und WM-Sechste begeistert in seine Fußstapfen trat.

Otto Altweck´s guter Ruf als erfahrener Radsporttrainer ging weit über Deutschlands Grenzen hinaus: 1986 –1988 bereitete er als Nationaltrainer das Rad-Team Indonesiens auf die Olympischen Spiele in Seoul vor und von 2000 bis 2004 brachte er die Nationalmannschaft des Iran für die Spielen in Athen in Form. Der Münchner Radsportszene blieb Otto Altweck weiterhin eng verbunden: Bei der Münchner-Radsport-Gemeinschaft ( MRG) fungierte Otto Altweck ab 1985 als Funktionär. Nach zehn Jahren übernahm er 1994 den Vorsitz der MRG , die 2007 aufgelöst wurde. Auch danach blieb Ottto Altweck, der sein ganzes Leben bisher dem Radsport widmete, jährlich eine Woche dem Radsport erhalten. Bei den Sechstage-Rennen in der Münchner Olympia-Halle leitete Otto Altweck viele Jahre den Nachwuchswettbewerb der Amateure.

Seit 1970 bin ich Hobby-Fahrer sagte Otto Altweck oft verschmitzt , wenn er auf seine sechs Rennmaschinen im seinem Keller blickte. „ Nun kann ich viel mehr, noch besser und intensiver auf die alljährlichen nationalen und internationalen Senioren-Meisterschaften vorbereiten“, freute sich der unermüdliche Oldtimer, der im Laufe der folgenden Jahre dreizehn WM-, zehn Master- und drei DM-Medaillen erkämpfte. „S´ Radlfoahrn brauch i für mei Gsundheit“, erklärte Otto Altweck immer schmunzelnd. „Der Stier von der Isar“, wie man Otto Altweck aufgrund seines kraftvollen Stils auf der Rennmaschine nannte, wird seinen vielen Radsportfreunden unvergessen bleiben!

Ex-Meister Dieter Burkhardt, feiert am 8. Juli seinen 70. Geburtstag

Darauf ist Dieter Burkhardt noch heute stolz: „Von 1977 bis 1986 stand ich zehn Jahre lang ohne Unterbrechung jedes Jahr bei einer Deutschen Meisterschaft auf dem Treppchen. Mal bei der Einer-, mal bei der Vierer-DM, manchmal auch bei beiden.“ Ein außergewöhnlicher Rekord, den Dieter Burkhardt bis heute niemand streitig machte. Zehn Jahre – im harten Leistungssport eine ungewöhnlich lange Zeit – trug Dieter Burkhardt erfolgreich das Trikot der RSG-Nürnberg, deren Geschichte er in diesen Jahren ganz wesentlich mitgestaltete. Auch nach seiner aktiven Laufbahn, in der er zwölf Jahre zum Nationalkader zählte und rund 120 Rennen gewann, blieb Dieter Burkhardt dem Zweirad und dem Radsport stets eng verbunden. Ab 1987 war er 16 Jahre als PR- und Marketing-Chef der Nürnberger Hercules-Werke im Einsatz. Nachdem sich diese vom Standort Nürnberg zurückzogen, übernahm Dieter Burkhardt 2003 im Nordosten Nürnbergs das renommierte Fahrrad-Geschäft des Herpersorfer Ex-Meisters Jürgen Goletz, dass er bis 2021 leitete.

Begonnen hat Dieter Burkhardt´s sportlicher Lebenslauf nicht auf dem Rennrad: „ Als Schüler habe ich mehrere Jahre begeistert Fußball gespielt“, erinnert sich der agile Jubilar. „Auf dem Heimweg vom Fußballplatz trat Dieter Burkhardt dann meist sehr stramm in die Pedale seines Touren-Rades, so stramm, dass er bei den Jugendfahrern des regionalen Radsportvereins – die auf gleicher Strecke trainierten – locker mithielt.“ Kein Wunder, dass der „schnelle Fußballer“ über Schulfreunde schnell zum RV 89 Schweinfurt fand und bald erste Jugendrennen fuhr, obwohl er noch immer genau so eifrig kickte. Erst ein Jahr später, nachdem er sich seinem Heimatverein, der „SG Dittelbrunn“ anschloss, bei dem Ex-Profi Ludwig Geyer den Nachwuchs betreute, hängte Dieter Burkhardt als 14-Jähriger die Fußballstiefel endgültig an den Nagel. Sehr schnell bewies er nun sein außergewöhnliches Talent im Rennsattel. Gerne denkt er zurück an erste heiße Duelle mit dem Nürnberger „Radbaron“ Friedrich von Loeffelholz, der damals als Jugendfahrer eine ebenso erfolgreiche und steile Karriere startete: „ 1971 gewann ich vor Friedrich die bayerische Straßenmeisterschaft der Junioren“, erinnert sich Burkhardt, der 1972 erstmals für die Nationalmannschaft der Junioren nominiert wurde.

Der erfolgreichste Abschnitt seiner langen Karriere begann 1976 als sich der 21-jährige Dittelbrunner als Amateur der 1973 gegründeten „RSG-Franken Katzwang“ ( später RSG-Hercules Nürnberg) anschloss , in der bereits Friedrich Von Loeffelholz und Dieter Flögel für Furore sorgten. Diesen Schritt hat Dieter Burkhardt nie bereut, denn das Erfolgstrio Von Loeffelholz-Burkhardt-Flögel gab damals in Bayern und sehr bald auch bundesweit souverän den Ton im Straßenrennsport der Amateure an. Die drei schnellen Franken stellten bei Rundfahrten und Weltmeisterschaften für viele Jahre das Rückgrat der deutschen Straßen-Nationalmannschaft, der Dieter Burkhardt zwölf Jahre angehörte! 1979, 1982 und 1985 wurde Dieter Burkhardt mit dem RSG-Vierer Deutscher Mannschaftsmeister über 100 Kilometer, 1982 gewann er in Rosenheim vor dem späteren Weltklasse-Profi Rolf Gölz im mitreißenden Finish die Einer-DM!

Die Art und Weise, in der die Katzwanger Cracks den Straßenrennsport der Amateure dominierten, beeindruckte nicht nur die fränkischen Fans. Auch in der Chefetage der Firma Hercules war man begeistert. So begeistert, dass der heimische Fahrradhersteller zum großzügigen Sponsor wurde, nach dem sich der kleine Verein ab 1980 „RSG-Hercules Nürnberg“ nannte.

Eine solche Namensänderung, verbunden mit Werbung, war seinerzeit innerhalb des Bundes Deutscher Radfahrer jedoch ebenso wenig erlaubt, wie die effizienten neuen Team-Strukturen mit denen die Nürnberger Cracks ihre Rennen fuhren – und gewannen! Es kam schließlich zum Eklat: Als „Rebellen“ wurden die RSG-Fahrer im Olympia-Jahr 1980 rigoros vom Bund Deutscher Radfahrer von der Nationalmannschaft ausgeschlossen! Heute lacht Dieter Burkhardt darüber, wenn er feststellt: „ Wir waren damals einfach um einiges voraus. Wenige Jahre später folgten unserem Beispiel die Dortmunder und dann fanden sich bald weitere Vereine, die nach unserem Sportgruppen-Konzept arbeiteten. Der Erfolg sprach schließlich so deutlich dafür, dass der BDR , wenn auch spät, sein Reglement änderte.“
Eigentlich wollte Dieter Burkhardt 1985, nachdem er die RSG-Hercules Nürnberg zum dritten Mal zum Vierer-DM-Titel geführt hatte, seine Karriere beenden. „ Doch dann hatte ich einen sehr schweren Autounfall und die Saison 1985 war gelaufen. So wollte ich mich jedoch nicht verabschieden“. Umso größer war Burkhardt´s Ehrgeiz im folgenden Jahr. Neben zahlreichen Siegen wollte er in seiner letzten Saison vor allem bei der Straßen-DM noch einmal ganz vorne dabei sein. “Die DM in Bann war 1986 eine extreme Hitzeschlacht auf einem sehr schweren Kurs in der Pfalz , doch wir hatten alles gut im Griff“, erinnert sich Dieter Burkhardt an sein letztes großes Rennen, das er fast auch noch gewonnen hätte: „ Die Nürnberger und die Dortmunder Fahrer gaben bei dieser DM einmal mehr souverän den Ton an. In der letzten Runde fuhr der Dortmunder Bernd Gröne zusammen mit Werner „Kiko“ Stauff ab, der 1986 für die RSG-Nürnberg fuhr. „Gröne galt damals zwar auch als gefährlicher Sprinter, doch ich war sicher, Kiko fährt das Ding nach hause“, erinnert sich Dieter Burkhardt, der mit seiner Prognose richtig lag und das Feld der Verfolger aufmerksam kontrollierte. Stauff gewann den Titel sicher vor Gröne und Dieter Burkhardt wuchs eine halbe Minute später im rasanten Massensprint des heranbrausenden Feldes, den er grandios gewann, noch einmal über sich hinaus. Als strahlender Dritter der DM stieg er mit Gröne und Stauff zum 10. Mal auf ein DM-Treppchen! Insgesamt hat Dieter Burkhardt sehr viele schöne Erinnerungen an seine aktive Zeit. Nur ein Punkt wurmt ihn offensichtlich noch heute etwas: “ Obwohl ich mit rund 15 Siegen pro Saison auch als sehr spurtschnell bekannt war, wurde ich nie für eine Einer-WM nominiert, nur stets für den BDR-Straßenvierer“.
1987 hängte Dieter Burkhardt zwar seine Rennmaschine an den berühmten Nagel, doch für die RSG-Nürnberg war er als langjähriger 1. Vorsitzender noch viele Jahre unermüdlich im Einsatz. Beim späteren Profi-Team NÜRNBERGER , das 1986 aus der RSG entstand, fungierte Dieter Burkhardt bis zum Ende 2001 als Geschäftsführer und Sportlicher Leiter.
Ab 1991 war Dieter Burkhardt außerdem als Organisator des Radrennens „Rund um die Nürnberger Altstadt“ im Einsatz, bei dem er zusammen mit Dieter Flögel Tour de France-, Giro-Sieger Sieger, Weltmeister und zahlreiche internationale Top-Stars an den Start brachte.
Den Straßen-Rennsport verfolgte Dieter Burkhardt auch in den folgenden Jahren weiter sehr aufmerksam zumal sein Sohn Holger erfolgreich in seine Fußstapfen trat. Sein renommiertes Radsport-Fachgeschäft im Norden Nürnbergs, das er 19 Jahre erfolgreich führte, wird seit 2021 von einem langjährigen Mitarbeiter fortgeführt. Im Sattel seiner schnellen Rennmaschine sitzt der rüstige Jubilar noch immer gerne und regelmäßig. „ Dazu habe ich nun endlich die nötige Zeit , das macht Spaß und hält mich fit“, sagt Dieter Burkhardt, der zusammen mit Sohn Holger auch immer wieder auf berühmten Tour-Pässen der Pyrenäen und Alpen unterwegs ist.

Dieter Burkhardt´s Daten in Kürze
Geb. 8. Juli 1955 in Stuttgart
1962 zog Familie Burkhardt ins unterfränksiche Dittelbrunn bei Schweinfurt
seit 1976 lebt Dieter Burkhardt in Nürnberg

Ab 1969 Jugendfahrer zunächst beim RV 89 Schweinfurt, ab 1970 bei der SG Dittelbrunn, ab 1976 als Amateur bei der RSG-Franken-Katzwang, der späteren RSG-Hercules Nürnberg.
Vierfacher Deutscher Meister der Amateure auf der Straße (Einer- und Vierer-Mannschaft), 12 Jahre Nationalmannschaft Straße, insgesamt bis 1986 rund 120 Siege, darunter viele namhafte „Klassiker“ .
Nach dem Ende der Karriere ab 1987 sechzehn Jahre Marketingleiter der Firma „Hercules“ , dazu parallel Team-Manager und Sportlicher Leiter der RSG Nürnberg und ab 1986 beim internationalen Profi-Team „NÜRNBERGER“. Ab 1991 Co-Organisator des Rennens „Rund um die Nürnberger Altstadt“ , Mitglied der Sportkommission der Stadt Nürnberg.
Von 2003 bis 2021 Inhaber der Firma RADSPORT BURKHARDT

Text: Manfred Marr

Radsport-Enthusiast Peter Edelhäußer 80 Jahre

Nürnberg – Peter Edelhäußer feiert am 30. Mai seinen 80. Geburtstag.

Rund 50 Jahre lang war der große Radsportidealist als vielseitiger Funktionär unermüdlich im Einsatz. Beim „Verein-Sportplatz“ , den er sich 1969 anschloss, war der Jubilar jahrzehntelang „die rechte Hand“ der Bahnchefs Fritz Scheller, Toni Auer und Andreas Zentara. Der Bahnradsport den er ab 1975 als Bahnfachwart des Bezirks Mittelfrankens und bald darauf auch als Bahnfachwart des Bayerischen Radsportverbandes leitete, lag ihm stets besonders am Herzen.
Bei den Bahnveranstaltungen in Bamberg, München, Augsburg und Niederpöring war Peter Edelhäußer dabei ebenso wie am Reichelsdorfer Keller als Sprecher, Kampfrichter und als Berichterstatter im Einsatz. Anfangs der 1990-er-Jahre leitete er als erster Nürnberger zwei Jahre lang die Geschicke des Bayerischen Radsport-Verbandes, wobei er engagiert und erfolgreich die Wünsche und Interessen aller bayerischen Radsportler vertrat.
Gerne erinnert sich Peter Edelhäußer an die Olympischen Spiele1972 bei denen er in München als offizieller Kampfrichter im Einsatz war. „Das waren einmalige interessante und schöne Renntage auf der tollen Olympia-Piste.“, schwärmt Peter Edelhäußer heute noch.
Trotz erheblicher gesundheitlicher Einschränkungen hält Peter Edelhäußer – soweit es ihn möglich ist – nach wie vor guten Kontakt zu den Radsportlern der Region. Seinen geliebten Radsport verfolgt er noch immer sehr aufmerksam und mit mit gleichgroßer Begeisterung, wobei er allerdings die allgemein stagnierende Entwicklung des Rennsports in Franken sehr bedauert.


Peter und Stefan Steinweg

Text und Fotos Manfred M a r r

Herpersdorfer Altmeister Bert Stern 90 Jahre

Herpersdorf – Seinen 90. Geburtstag feierte am 28. Mai der Herpersdorfer Altmeister Bert Stern, der 1957 und 1958 mit dem damaligen Herpersdorfer „Sechser-Team“ zweimal die Deutsche Mannschafts-Meisterschaft auf der Straße über 100 Kilometer gewann.


Manfred Marr Foto

Von 1952 bis 1959 saß Bert Stern – der einst beim „RC Bad Windsheim“ mit dem Radsport begann und 1956 zunächst zum „RC Schwalbe Nürnberg“ und dann zum RC Herpersdorf wechselte – als Jugendfahrer und als Amateur erfolgreich im Rennsattel. Auf Bahn und Straße , sowie bei Querfeldein-Rennen feierte er zahlreiche Siege.
Nach seiner erfolgreichen aber leider nur sehr kurzen Radsportkarriere, die er nach einem schweren Unfall sehr früh beenden musste, blieb er als vielseitiger Funktionär für den RC Herpersdorf, dem Bayerischen Radsport-Verband, und dem Radsport-Bezirk Mittelfranken weiterhin eng verbunden. Viele Jahre war Bert Stern als Bahnfachwart, Schatzmeister und Beisitzer für den Bayerischen Radsport-Verband im Einsatz. Bundesweit bekannt wurde der Herpersdorfer Radsportidealist vor allem als versierter Sprecher und Moderator bei mehr als eintausend Bahn- und Straßenrennen und zahlreichen anderen Sportveranstaltungen. Rund 70 Jahre war für Bert Stern der Radsport „ die wichtigste Nebensache der Welt“.
Manfred M a r r

Ex-Weltmeister Jean Breuer verstorben

Sechs Jahrzehnte Radsportler mit Leib und Seele:


Das war Jean Breuers größter Erfolg. 1974 stand er strahlend nach einer brutalen Hitzeschlacht im WM-Trikot mit seinem Schrittmacher Dieter Durst ganz oben auf dem Treppchen.

Hürth – Deutschlands Steherfans trauern um Jean Breuer, der im Alter von 87 Jahren verstorben ist. „Mein Leben ist der Radsport“, sagte der allseits beliebte Altmeister der Steher der von 1953 bis 1999 46 Jahre lang Radrennen für seinen Heimatverein RSG Hürth gefahren ist. Gekrönt hat Jean Breuer seine außergewöhnlich lange und erfolgreiche Radsport- Karriere mit dem Weltmeistertitel der Amateursteher, den er mit dem Nürnberger Schrittmacher Dieter Durst 1974 in Montreal gewann, nachdem er 1972 bereits Vize-Weltmeister wurde. Jean Breuer begeisterte die Zuschauer vor allem durch seine kämpferische Fahrweise und seinen großen Ehrgeiz. In der fränkischen Steherhochburg Nürnberg war er bei den Fans ebenso beliebt wie die erfolgreichen Lokalmatadore und Stehermeister Horst Duschl, Gerhard Duschl, Klaus Burges und Horst Gnas! Den letzten seiner insgesamt 185 Siege feierte der unverwüstliche Kämpfer, der über 1100 Rennen bestritt, mit 59 Jahren!

Jean Breuer war zwölf Jahre alt, als er 1950 auf der Radrennbahn in Köln-Riehl sein erstes Steherrennen sah. „ Ich war damals von den Assen Walter Lohmann, Karl Kittsteiner, Gustav Kilian und Jean Schorn so begeistert, dass es mein größter Wunschtraum war, später auch als Steher über die Piste zu brausen“, erzählte Jean Breuer oft, der mit 15 Jahren seine ersten Rennen als Jugendfahrer fuhr. Doch erst 1961 erfüllte sich sein Traum als er mit 23 Jahren seinen ersten Versuch als Steher machte und auf Anhieb einen dritten Platz belegte.
Danach war Jean Breuer nicht mehr zu bremsen. Nach den üblichen harten „Lehrjahren“, den ersten Siegen und immer mehr guten Platzierungen schaffte er 1964 den Sprung in die deutsche Spitzenklasse der Steher. Sechsmal wurde er westdeutscher Stehermeister. Von 1964 bis 1981 zählte er ohne Unterbrechung 17 (!) Jahre lang zum deutschen Nationalkader, wobei er erfolgreich an 41 Länderkämpfen teilnahm und sieben Mal deutscher Vize-Meister wurde!

Auch bei internationalen Rennen stand Jean Breuer, der mit dem Holländer Nopi Koch und danach mit dem Nürnberger Dieter Durst zwei exzellente Schrittmacher fand, immer häufiger auf dem Treppchen. Bei der Steher-WM 1982 erkämpfte er in Marseille mit Nopi Koch die Silbermedaille. Seinen größten Sieg feierte er zwei Jahre später in Montreal. „Die WM 1974 hatte ich eigentlich schon abgehakt nachdem ich neun Wochen vorher nach einem schweren Sturz bei der DM mit angebrochenem Hüftgelenk und gebrochenem Arm im Krankenhaus lag“, erzählte Jean Breuer, der damals vorzeitig und auf eigene Verantwortung die Klinik verließ und vier Wochen später bereits wieder eisern trainierte. “ Ich wollte unbedingt zur WM nach Kanada obwohl ich noch Schmerzen hatte“, sagte Jean Breuer, der sich in Montreal erst über den Hoffnungslauf bis ins WM-Finale durchbiss. Die Tatsache, dass man das WM-Finale wegen Regen vom Abend-Programm auf die Mittagsstunden des folgenden Tages verlegte, wurde zum Alptraum für die sieben WM-Finalisten, die nun bei extremer Hitze von mehr als 35 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von über 90 % starten mussten. Nur Jean Breuer zeigte sich optimistisch: „In meinem Beruf als Kraftwerk-Techniker muss ich oft bei viel höheren Temperaturen an Kesseln arbeiten“, erklärte er, kurz vor dem Start. Aus erster Position ging er beherzt in das schnelle Rennen in dem sämtliche Top-Favoriten sehr bald nacheinander Opfer der erbarmungslosen Hitze wurden. Von Dieter Durst perfekt und clever geführt, wehrte Jean Breuer eine Stunde lang alle Attacken sicher ab und stieg nach einer bravourös überstandenen Hitzeschlacht als strahlender neuer Weltmeister vor dem Holländer Martin Venix und dem Spanier Miguel Espinos auf das Treppchen!

Nach seinen WM-Sieg hat sich für den lupenreinen Amateur nichts verändert: „ Als Belohnung erhielt ich von meinem Arbeitgeber zwei Tage Sonderurlaub. Doch danach habe ich meinen Beruf in vollem Umfang weiter gearbeitet und bin wie gewohnt meine Rennen im In- und Ausland gefahren, wobei mich meine Familie stets verständnisvoll unterstützte und oft auch begleitete. Meine Frau Maria und meine Töchter Brigitte und Sabine, die beide auch einige Jahre Radrennen fuhren, haben viele Opfer für meinen Sport gebracht. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Es waren viele tolle Jahre, die ich nie vergessen werde“, schwärmte der Altmeister stets, der dem Radsport weiterhin eng verbunden blieb. Schon während seiner aktiven Zeit organisierte er von 1969 bis 1990 regelmäßig Steherrennen auf seiner Heimatbahn in Hürth. Nachdem es diese kleine Piste nicht mehr gab sorgte Breuer mit einigen Idealisten dafür, dass auch auf der Kölner „Albert-Richter-Radrennbahn“ und auf der Piste in Solingen die Motore knatterten.
Am meisten freute er sich darüber, dass sein Sohn Christoph erfolgreich in seine Fußstapfen stieg und ebenfalls den Aufstieg in die deutsche Spitzenklasse der deutschen Steher schaffte. Mit großem Bedauern und sehr traurig musste allerdings auch er im Laufe der letzten Jahrzehnte feststellen , dass der Stehersport immer mehr an Popularität verlor.

Für seine sportlichen Leistungen und sein Engagement für den Radsport wurde Jean Breuer mit dem Silbernen Lorbeerblatt der Bundesrepublik ausgezeichnet und mit der Goldenen Ehrennadel des Bundes Deutscher Radfahrer. Den vielen Freunden und Fans des Stehersports wird der stets gut gelaunte und freundliche „Schäng“ für immer in guter Erinnerung bleiben!
Foto und Text Manfred M a r r