Hallo Sportfreunde,
Klaus Karolzak bat mich, wieder mal einen Griff in mein großes Radsport-Archiv zu machen und diesmal an „Didi“ Thurau zu erinnern, der in den 1970-er Jahren einen bis dahin einmaligen Radsportboom in Deutschland ausgelöst hatte. Was viele heute kaum noch wissen: Dietrich Thurau war 1974 mit 18 Jahren bis heute Deutschlands jüngster Rad-Weltmeister!
Doch nun seine Geschichte der Reihe nach:
Schon als Jugendfahrer zeigte Didi – wie man ihn schnell nannte – außergewöhnliches Talent. Er gewann die Rennen in Serie und das meistens als Solist. Er konnte zwar auch spurten, doch gegen schnelle Sprint-Asse wie z.B. Dieter Burkhardt hatte er als Jugendfahrer nur wenig Chancen. Seine Stärke war es erbarmungslos auf´s Tempo zu drücken, bis er alle Konkurrenten abgehängt hatte. Mit 17 Jahren wechselte er 1973 vorzeitig ins Lager der Amateure und setzte seine Siegesserie dort sofort nahtlos fort.
Alle bewunderten den jungen Senkrechtstarter – nur der damalige Bundestrainer Rudi Altig kam mit Didi nicht klar. Die Chemie zwischen ihm und dem schon sehr selbstbewussten Thurau stimmte einfach nicht und so kam es, dass Altig Thurau trotz seiner überragenden Erfolge für die Straßen-WM 1974 in Montreal nicht nominierte. Echte Radsport-Kenner und Insider bedauerten das sehr, auch der legendäre Bahn-Nationaltrainer Gustav Kilian, der Didi spontan anbot bei der WM 74 im BDR-Bahnvierer zu starten.
„Goldschmied“ Kilian, der das große Ausnahme-Talent von Thurau schon lange erkannte, musste seine Entscheidung nicht bereuen. Dietrich Thurau wuchs bei der Bahn-WM in Kanada über sich hinaus und wurde als 18-jähriger zusammen mit Hans Lutz, Günther Schumacher und Peter Vonhof Vierer Weltmeister! Mit etwas mehr Glück wäre er fast Doppel-Weltmeister geworden, denn in der Einer-Verfolgung über 4000m erreichte er fast mühelos das Halbfinale. In einem bis zur letzten Runde extrem spannenden Lauf musste er sich erst auf den letzten Metern gegen den starken Italiener Orfeo Pizzoferrato ganz knapp geschlagen geben. Es waren ganz offensichtlich die Nerven, die ihn dabei einen Streich spielten. Heulend und schwer enttäuscht zog er sich sofort in die BDR-Unterkunft zurück. Doch WM-Gold im Vierer und Platz vier in der Einerverfolgung waren am Ende eine stolze Bilanz für den jüngsten Teilnehmer dieser tollen WM, die ich nie vergessen werde.
Übrigens den WM-Titel in der Einerverfolgung gewann am gleichen Abend danach Hans Lutz als er in einem grandiosen Finale den von Thurau vorher schwer angeschlagenen Pizzoferrato ziemlich sicher bezwang.
Zurück zu Didi. Noch während der WM wurden ihm in Montreal bereits diverse lukrative Profiverträge angeboten. Hollands „Sechstage-Kaiser“ Peter Post, damals Teamchef der erfolgreichen „Raleigh-Mannschaft“, machte das beste Profi-Angebot. Didi´s Profi-Karriere war damit gesichert.
Obwohl er im Winter sofort Sechstage-Rennen bestritt, legte Didi als junger Jung-Profi im Frühjahr 1975 sehr erfolgreich los. Alle seine Siege und Top-Platzierungen hier aufzuzählen würde zu weit führen, doch Didi erkämpfte sich in den Jahren 1975, 1976 und 1977 unaufhaltsam einen festen Platz in der internationalen Weltklasse der Profis! Er überzeugte bei kleinen Rundfahrten und ebenso wie bei fast allen schweren Klassikern mit sehr guten Leistungen
(siehe Ergebnis-Liste).
Zum absoluten Highlight seiner Karriere wurde für den erst 22-jährigen Frankfurter dann seine erste Tour de France-Teilnahme 1977, als er 15 Tage in GELB fuhr, fünf Etappen und das „Weiße-Trikot“ des besten Jung-Profis gewann. Ganz Radsport-Deutschland war förmlich aus dem Häuschen und „Didi“ in aller Munde. Ein großer Radsport-Boom, wie man ihn bisher in Deutschland noch nie erlebt hatte, war ausgebrochen. Didi nutzte seine große Popularität clever indem er danach Jahr für Jahr viel mehr Rennen fuhr als die meisten anderen Spitzen-Profis und trotz der vielen Sechstage-Rennen im Winter zählte er auch in den 1980-er-Jahren noch immer zu den erfolgreichsten Straßen-Profis!

Plomi Foto – Beim Giro 1983, als er als Helfer von Sieger Saronni glänzender 5ter wurde.
Ich will es nun kurz machen. Leider gab es von Thurau im Laufe der Jahre auch immer wieder Enttäuschungen, etliche kleine und große Skandale. Thurau konnte zwar noch oft mit großartigen Leistungen aufwarten – so war er zweimal Vize-Weltmeister und Sieger beim schweren belgischen Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich – doch an sein Erfolgsjahr 1977 kam er vor allem bei der Tour de France nicht mehr heran. Als Grund dafür wurden meist seine vielen Starts bei den Sechstage-Rennen im Winter genannt. Während sich seine großen Rundfahrt-Gegner in diesen Wochen erholten und regenerierten saß Thurau fast pausenlos im Sattel. Auch ich habe ihn dazu einmal angesprochen, worauf er sehr klar antwortete: “ Wenn wir Straßen-Profis damals so großartige Gehälter wie heutige Asse bekommen hätten, wäre ich im Winter keine Sechstagerennen gefahren“. Ja, das liebe Geld, es war für Didi leider stets ebenso wichtig wie seine sportlichen Erfolge.

Plomi Foto – Did bei der 3-Nationen Meisterschaft im Juni 1987 in seiner Heimatstadt Frankfurt
1988 – nach rund 12 Profi-Jahren – verabschiedete sich Dietrich Thurau in seiner Heimat-Stadt Frankfurt bei einem Abend-Kriterium im Zentrum der City von seinen noch immer sehr zahlreichen und begeisterten Fans. Ich war damals vor Ort und habe versucht für „Radio Franken“ vor dem Start ein paar Worte mit Didi zu sprechen. Es war extrem schwierig im großen Gedränge überhaupt an ihn ranzukommen und es blieben nur ganz wenige Augenblicke, um ganz kurz mit ihm zu sprechen. Ich füge mein damaliges kleines Interview auf einer Datei im Anhang bei.
Didi´s Abschiedsrennen gewann damals vor 20 000 begeisterten Zuschauern Belgiens Ex-Weltmeister Claude Criquelion vor dem Italiener Francesco Moser und vor Didi Thurau, der von seinen treuen Fans noch einmal ganz groß gefeiert wurde. Auch dieser Abend in Frankfurt wird mir unvergessen bleiben.
Manfred M a r r










